Callcenter Agent
Mittwoch, 25. Juli 2007
Erwischt
callcenteragent | 25. Juli 07
(...)
Er: Sag' mal, du sitzt doch im Callcenter?
cca: Ja, hört man das?
Er: Schon... wann macht ihr denn Feierabend?
cca: Wir beide haben noch 15 Minuten, um 'nen Termin zu machen...
Er: (lacht) Ganz schön hartnäckig... Also fassen wir mal zusammen: Es ist Abend, Du sitzt im Callcenter, Ich kann Dich nicht zurückrufen. Du willst mir keine Unterlagen zuschicken... das ist doch irgendwie _etwas_ unseriös, oder nicht?
cca: (lacht) Schon etwas, oder?
(...)

Ich habe danach noch einen Anruf gestartet, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Dann ist Feierabend. Endlich.

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Montag, 23. Juli 2007
im Zwiespalt
callcenteragent | 23. Juli 07
Es gibt so sympathische, junge Leute, gerade ins neu gebaute Haus eingezogen, zwei kleine Kinder... Als die zum ersten Mal das Wort "Termin" vernommen haben, wurde mir gleich einer angeboten. Trotzdem kläre ich Leitfaden-gemäß auf, was bei diesem Termin passieren wird. Der Termin steht. Wenn die zwei weiterhin so... so... "unkritisch" sind, dann unterschreiben die tatsächlich...

Hoffentlich reden die nochmal mit jemand darüber. Aber dann wäre ja meine Provision in Gefahr. Andererseits nimmt sich, im Vergleich zum Schaden, den meine "Kunden" evtl. erleiden, meine Provision geradezu lächerlich gering aus. Deshalb wohl wird uns bei jeder Gelegenheit nahegelegt: "nicht denken, telefonieren!"

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Freitag, 20. Juli 2007
Zuckerbrot und Peitsche
callcenteragent | 20. Juli 07
nackenmassierend: "Schätzchen (liebevoll), jetzt mach' doch verdammt nochmal (kreischend) noch 2 Termine heute!"

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An den Eiern
callcenteragent | 20. Juli 07
Er hört sich alles an, gibt sich interessiert, wird nachdenklich. Ich versuche, Bedenken zu zerstreuen, den Termin schnell festzumachen. Er will sich informieren, will wissen, was ich ihm denn anbiete. Ich komme elegant zurück zum Termin. Er will die Internetseite meines Unternehmens. Ich wiegle elegant ab, verweise auf Google. Eigentlich habe ich ein gutes Gefühl, ich hab es schon geschafft, mit ganz anderen, kritischeren, einen Termin zu vereinbaren. Es geht noch wenige Male hin und her. Plötzlich lacht er: „Sagen sie mal, wollen sie denn nicht merken, dass ich sie an den Eiern hab?“ Ich muss ebenfalls lachen und beglückwünsche Ihn. Er mich auch.
klick.


Auch lustig war folgendes Gespräch:

cca: blahblubb
er: Wie bitte?
cca: blah... verstehen sie mich nicht?
er: Doch, aber sie schreien so!
cca: 'Tschuldigung... habe ich jetzt nicht den Müller, Peter am Apparat?
er: Ja doch, aber nicht mehr lange!
cca: Wieso denn das?
er: Weil ich jetzt gleich auflege!
klick.

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Donnerstag, 19. Juli 2007
Lust und Frust
callcenteragent | 19. Juli 07
Menschen sind ja so putzig! Langsam entwickle ich richtigen Spaß an dieser Arbeit – einige Telefonate sind dermaßen lustig, die Menschen sind so gut drauf, dass es einem eine wirkliche Freude ist, mit ihnen zu telefonieren. Da werden Witze gerissen, Späße gemacht, es wird gefoppt, gelogen und auf den Leim geführt – und das von beiden Seiten. Das Köpfchen kommt ganz schön ins qualmen, man will ja nicht – als Profi - „an die Wand gelabert werden“. Die wenigen „ich-bin-aus-Prinzip-negativ“ fallen wirklich kaum mehr ins Gewicht, wenn man immer wieder Mühe hat, die Kurve zu „Herr Müller, ich muss jetzt aber wirklich weitermachen hier...“ zu kriegen.
Mit solchen Negativlingen umgebe ich mich im Privatleben schon ungern, in diesem Job bin ich natürlich umso froher, wenn ich wenige bis gar keine am Rohr habe - oder sie sich wenigstens gleich als solche Art Mensch zu erkennen geben.
Das einzige, was mich derzeit bremst und aufhält sind tatsächlich diese unsagbar dämlichen Motivationsversuche. Leicht kontraproduktiv – denn mit einigen dieser Quasselstrippen vereinbare ich schließlich auch Termine!

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Dienstag, 17. Juli 2007
unmotivierter Motivator
callcenteragent | 17. Juli 07
Die Chefin schreit mich an „...das kotzt mich an, jetzt machen sie mal Termine!...“ Ich schreie zurück: „... das kotzt mich auch an – ich brauche schließlich das Geld“.
Irritiert zieht sie sich an ihren Schreibtisch zurück. Das sind abgebrühte Leute, die jede „Ausrede“, warum man nicht X-Termine schafft, zu kontern wissen. Aber gleiches mit gleichem bringt sie aus dem Takt. Vor allem, wenn's „von unten“ kommt, also wenn es entgegen des Hierarchiegefälles läuft.

Dieses "Geld brauchen" ist das Mantra hier, es wird bei jeder Gelegenheit "gesungen" - warum also nicht ;-)

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Samstag, 14. Juli 2007
Einsame Herzen und wi(e)der die Moral
callcenteragent | 14. Juli 07
Ihr glaubt es nicht - es gibt Leute, die sind froh, wenn man sie anruft! Die möchten einfach nur plaudern - und um das zu erreichen, spielen die auch erstmal brav mit.
Einen solchen Herren soll ich nächste Woche nochmal anrufen, so hat er sich gefreut! Evtl. mache ich das ja auch - wenn ich selbst mal etwas Abwechslung vom Leitfadeneinheitsbrei brauche. Praktisch sowas!

Ansonsten, nunja, ich bin hier echt zum "Obertelefonierer" geworden, über zu wenig Termine brauche ich mir keine Gedanken zu machen.

Gedanken mache ich mir schon eher über das, was hier in den Kommentaren so passiert. Die Welt ist eben nicht nur schwarz-und-weiß, wie sie einige Leser zum Thema "Moral" so gerne sehen (sehen wollen ?).
Zwischen "aufmunternd auf die schulterklopf" und echter Besorgnis geht das dann hin bis zum meiner Meinung nach grandiosen Vergleich meiner Telefonanrufe mit Atomwaffen - natürlich nur die "bösen", also diejenigen, die in den Händen von Al-Quaeda oder sonstiger "pösen Purchen" sind. You made my day!

Alles in allem mache ich mir herzlich wenig moralische Bedenken über die Anrufe selbst, eher schon über das, was danach passiert. Aber das ist mein Problem und deshalb wird dies hier der erste und letzte Eintrag zu diesem Thema sein

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Donnerstag, 12. Juli 2007
Aufgestiegen zum Kummerkasten
callcenteragent | 12. Juli 07
Anscheinend bin ich die Hierarchieleiter ein wenig aufgestiegen - ich werde in einem Atemzug mit unseren langjährigen Telefonisten genannt! Und nicht nur das, ich bekomme auch deren "Spezialbehandlung", d.h. höchstpersönliches Anschreien zu spüren - natürlich zu Motivationszwecken.

Natürlich habe ich - für die kurze Zeit, in der ich dort jetzt arbeite - ziemlich viele und "gute" Termine gemacht, ich dachte nur nicht, dass das ganze so schnell geht. Kollegen, die einige Monate länger da sind als ich, vergessen diesen Fakt und gehen davon aus, ich sein schon ein paar Jährchen da. Obwohl sie es besser wissen müssten. Seltsame Art von Vergesslichkeit - oder doch Gleichgültigkeit?

Als ich vom Toilettenbesuch zurückkomme, fange ich mir ängstliche Blicke und leise, zaghafte Anmerkungen ein: "SchXXe, dein Handy hat geklingelt!" Ich setze mich, schalte es aus - da kommt schon die Chefin auf mich zu gestampft, knallrot im Gesicht, schreit: "Handy aus!!". Grinsend, freundlich, entgegne ich: "Wenn man es einmal vergisst..." Das wars, nichts weiter. Man hat auch Privilegien, so als "Obertelefonierer".

Wir sollen ja versuchen, gleich auf die emotionale Ebene zu kommen, kühle, rechnende Köpfe brauchen wir sowieso nicht als "Kunden".
Man hat da so seine Tricks, so auch bei der Dame gestern - sie war, laut ihrer Tochter, kurz mit den Hunden weg, ich solle später nochmal anrufen. Hab mir das notiert, eine Stunde später erreiche ich sie und spreche sie ziemlich direkt auf die Hunde: "mehrere? Ja welche Rasse denn...? Wir sind nämlich auch gerade am überlegen, ob wir uns einen Hund zulegen..." Ich erfahre alles, auch dass die beiden Mischlinge ganz gut mir der jungen Katze im Haushalt zurechtkommen. Ich taste mich weiter vor - und erfahre schreckliches: der Mann und Vater sei im letzten Jahr tödlich verunglückt, wie schwer das für alle ist, besonders für die pubertierende Tochter, dass die Familie seitdem zerstritten ist, weil Mutter und Tochter um das Erbe vor Gericht streiten mussten und noch vieles grausames mehr. Nach 15, 20 Minuten bin ich einigermaßen geschockt, versuche elegant und so einfühlsam als möglich das Gespräch zu einem Ende zu führen. Die arme Frau hat sich aber schon so warm geredet, braucht anscheinend einfach mal jemand Fremdes, um sich auszuheulen. 30 Minuten später schaffe ich es, die Kurve zu kriegen, rede mit ihr kurz über das Geschäftliche, wünsche ihr alles Gute, Kopf hoch! und lösche sie dann aus der Datenbank.

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