Callcenter Agent
Mittwoch, 11. Juli 2007
Rollenspiele in der Urlaubszeit
callcenteragent | 11. Juli 07
Es muss wirklich schlecht laufen - aber was heißt schon "schlecht" - auf jeden Fall machen wir so wenig Termine, dass unsere Aufseher jetzt schon selbst anfangen zu telefonieren. Konnte aber nicht wirklich herausfinden, ob die denn mehr Termine machen als wir. Bestimmt, denn die sind ja Profis und wir nur bescheuerte Telefonisten...

Es könnte ja durchaus sein, das die Zielvorgabe, nur noch innerhalb der nächsten 7 Tage zu terminieren, sich in der Urlaubszeit etwas schwierig gestaltet, die Leute haben einfach keinen Kopp für unser Anliegen - aber laut aussprechen darf man solche Vermutungen ja nicht. Wenn man keine Termine macht, liegt das immer an einem selbst. Klar, Motivation und so!

Die Vertriebler, die hier rumspringen, sehen in mir einen dankbaren Gesprächspartner, ansonsten hält sich ja auch scheinbar jeder an die unausgesprochenen, aber deutlich sichtbaren, Hierarchiegrenzen. Nur was sie an Provision einstecken wollen sie nicht verraten... war ja auch nicht anders zu erwarten.

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Montag, 9. Juli 2007
unbezahlter Motivationsschub
callcenteragent | 09. Juli 07
Die Teambesprechungen werden immer kürzer, wir sitzen immer früher an den Telefonen. Unbezahlt natürlich. Es traut sich aber keiner, nicht zu telefonieren oder auch nur seinem Unmut darüber verbal Luft zu verschaffen. Keine gute Motivation, selbst im Sinne der "Zuckerbrot und Peitsche" Manier hier.

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Sonntag, 8. Juli 2007
Ein guter Tag und die Moral
callcenteragent | 08. Juli 07
Was ist für einen wie mich ein guter Tag?

Die ersten 10 Minuten klingele ich mich so durch, wupp, der erste Termin... weiter gehts, im halbstundentakt. Mein Schnitt macht die alten Hasen nervös, nach dem dritten Termin springen einige auf, kommen herüber und schauen, in welcher Callgroup ich bin. Sagen wir A1. Aufgeregte Diskussionen ala "da will ich auch hin..."

Die ersten schrägen Blicke, als ich den dritten Strich hinter meinen Namen ans Bord male, leicht irritierte Witze ala "jetzt aber mal langsam, du hast ja schon keinen Platz mehr!"

Angenommen, die an diesem Tag gemachten Termine würden alle zu Abschlüssen führen, käme ich auf eine dreistellige Provision - incl. einer annähernden Gehaltsverdoppelung.

Die Gewissensbisse melden sich nur noch ganz kleinlaut aus dem hintersten Winkel meiner selbst, ich denke an das Geld, daran, dass im Grunde ja alles _relativ_ legal ist. Immerhin wirbt der Laden ja in der Tageszeitung um neue Telefonisten, ich arbeite ganz normal auf Lohnsteuerkarte, die Provision muss ich auch versteuern. Den großen Reibach mache ich selbst zwar nicht, aber meiner momentanen Auffassung nach verdienen einige bekannte und seriöse Unternehmen nicht gerade schlecht daran.

Die Chefin kommt kaum hinterher mit Termine verwalten und loben. "Aha, der Anschiss gestern hat wohl gewirkt!" Von mir kommt natürlich keine Antwort. "Da sagt er nichts dazu..." Mir egal, ich habe meinen Schnitt, der mich in die Bestenliste katapultiert. Ehrfürchtig gratulieren mir einige der anderen Anfänger.

In einer Welt wie der unseren, kleinen, dreckigen, kapitalistischen, in der so etwas möglich ist, solche Geschäftsstrategien mit Hilfe von Sub-Sub-Unternehmern durchführbar werden, in der es legal ist, kleine Leute auszunehmen - die ja darauf basiert, kleine Leute auszunehmen - was soll ich da mit moralischen Bedenken anfangen? Für einen kleinen Job mit begrenzter Dauer?

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Samstag, 7. Juli 2007
Einige Statistiken
callcenteragent | 07. Juli 07
Ich würde Euch ja gerne konkrete Zahlen präsentieren - das Problem ist nur, dass wir so heftig "bewacht" werden, dass ich momentan keine Möglichkeit sehe, auch nur Strichlisten über abgegangene Anrufe zu machen...

Geschätzt habe ich aber zu
- 80% Rentner. Die fallen raus, da ist nix zu holen. Sind aber die Nettesten.
- 10% Belästigte ohne Interesse, die nach den ersten Worten auflegen oder sehr ungehalten reagieren
- 5% Opfer, die hören erstmal zu, mit manchen kann ich einen Termin vereinbaren, wenn ich den richtigen Nerv treffe.
- 1% denken, ich würde ihnen Jobs anbieten.
- der Rest sind Arbeitslose & Selbstständige usw...

Natürlich führe ich Buch über Gespräche, so z.b. landet in der DB jeder Anrufbeantworter, der irgendwas preisgibt, z.B. "Hallo, hier ist Anna, Paul, (Kinder), Achim und Petra (die Eltern)..." Also verheiratet, 2 Kinder... Klar.

Ich durfte auch schon den berüchtigten, professionalisierten Jähzorn der Chefin spüren. Beschweren über das abzutelefonierende Gebiet bringen Prügel. Verbal zwar, aber das reicht.

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Freitag, 6. Juli 2007
Ihr seid ja sooo schlecht
callcenteragent | 06. Juli 07
deshalb gibt's ab jetzt bis auf weiteres keine zweite Pause mehr und euer'n scheiss Kaffee könnt ihr euch von zu Hause mitbringen!

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brenzlige und laue Situationen
callcenteragent | 06. Juli 07
a) Polizeirevier W. taucht auf. Natürlich lege ich sofort auf.
b) Ein Mann vom Fach will's genau wissen, ist sehr aufgeregt, kramt nach Stift und Papier. Voller Namen, Namen des Unternehmens, Adresse? Ich zeig sie an! Natürlich lege ich sofort auf.

Sonst bleibt's lau, einige Wiedervorlagen erreicht - die aber meist sowieso nichts bringen. Die meisten sind heute ausgeflogen, ich rufe mich durch Berge von Nummern, bis ich endlich jemand erreiche, mit dem ich auch sprechen kann. Und das sind dann meistens Rentner. Alles in allem ein sehr, sehr zäher Tag.

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Donnerstag, 5. Juli 2007
Anzugträger, Einzelschulung und doch nichts los
callcenteragent | 05. Juli 07
Ich bin sehr zeitig da, rauche noch eine. Eine handvoll Anzugträger, Gangster in Nadelstreifen, steht mit mir rum, wir kommen ins Gespräch: "Seid Ihr unsere Vertriebler?" "Ja, die neuen. Wir werden gerade geschult" Die armen. 2 Wochen Schulung, mit 4 Stunden Pause pro Tag, weil unsere Chefs so verzettelt / chaotisch drauf sind. 2 Wochen weg von zu Hause - aber das Hotel ist ok. Wenigstens das. Sonstige Kosten werden nicht übernommen. Die Chefin kommt, sieht mich, umringt von grinsenden, lachenden Anzugträgern und findet's wohl nicht gut. Grinst verkniffen, wünscht nen guten Abend und verschwindet. Aha, bitte keine Kommunikation zwischen den Hierarchien... soll sie mir aber bitte auch sagen, man ist als Telefonist schließlich kommunikativ ;-)

An der Teambesprechung darf ich nicht teilnehmen, ich bekomme "Einzelschulung" - zusammen mit noch jemand, der mit mir angefangen hat. Nach kurzem Anfeuern: "mehr Emotionen! ... noch Fragen?" ist diese Schulung aber vorbei, ich sitz wieder am Telefon. Die ganzen Wiedervorlagen klappen tatsächlich nicht - die Leute sind (zum Glück) nicht so dumm...

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Mittwoch, 4. Juli 2007
Druck wird aufgebaut
callcenteragent | 04. Juli 07
Die Teambesprechung findet diesmal im großen Konferenzraum statt. Beide Teams sitzen wie auf heißen Kohlen. Dann geht das Donnerwetter los: wir haben viel zu wenig Termine gemacht in der letzten Woche, das Callcenter in B. mache mehr, selbst das in F. sei gerade dabei uns zu überholen - obwohl wir bei uns doch mindestens 6 Profis hätten, die schon einige Jahre dabei seien. Das könne so ja nicht sein... Wenn das nur ein paar Wochen so weitergehe, können wir das Callcenter schließen, alle werden arbeitslos. Betroffenes Schweigen. Dann wieder Tipps, ein neuer Gesprächsleitfaden wird verteilt, die Stimmung steigt wieder etwas.

Draußen an der Front kämpfen wir um jedes Gespräch - und die Termine wuppen nur so herein. Unsere Zielsetzung, nur Termine für diese Woche zu machen, kann ich nicht halten, ich mache einen für nächste Woche - bekomme einen Anschiss dafür. Da ich "neu" bin, will die Chefin ihn aber trotzdem nehmen...

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